Biokraftstoffe in Europa: Aus der Krisen- in die Testphase

September 22, 2016

Die zurückliegenden Monate waren für die Biokraftstoff-Industrie in Europa sehr ereignisreich.

 

Im Zusammenhang mit der kritischen Überschuldungssituation der Abengoa S.A. musste der in Spanien beheimatete Umwelt-Konzern auch einige Biofuel-Assets in Europa verkaufen. Aufgrund der Größe und der Marktbedeutung der Anlage war das Schicksal der Rotterdam-Raffinerie von Abengoa von herausragendem Interesse. Seit Mai stand die Jahreskapazität von 480.000 m3 still. Im Q3/16 wechselte der Besitzer und die Anlage soll nach einigen Medienberichten nun wieder arbeiten. Im Juli startete auch CropEnergies das zuvor stillgelegte Werk ENSUS (nameplate-Kapazität: 400.000 m3) in Mittelengland zu „Testzwecken“, wie es hieß. Dem Vernehmen nach zeigen die durchgeführten technischen Maßnahmen Wirkung. Die zusätzlichen Mengen aus der Testproduktion ihrerseits wirkten ebenfalls und zwar dämpfend auf den Ethanol T2-Preis, der in den folgenden Monaten um rund 15 % fiel. Zeitgleich sank die Marge unter € 100,- m3! Mitte September wurde der vorläufige Tiefpunkt der Ethanol T2-Preise und Marge durchschritten. Der Markt normalisiert sich nur schwer - es herrscht eine leichte Backwardation. CorpEnergies gab am 22.09.16 bekannt, dass somit „die gesamte Produktions-Kapazität der CropEnergies-Gruppe flexibel nach Markt- und Auftragslage“ betrieben werden könne!

 

Im Ganzen folgten die Aktienkurse in Deutschland der Ethanol T2-Preisbewegung. Obgleich die Kapitalmarkteinschätzungen im Wesentlichen unverändert blieben. Ein Grund hierfür mag die im transatlantischen Vergleich „dürftig“ erscheinende Analystenabdeckung hierzulande sein. Ob sich das ändern wird, wenn der Biofuelmarkt in Europa in absehbarer Zeit aus der Test- in eine Wachstumsphase eintreten wird, bleibt abzuwarten.

Für die US-Biofuel-Werte ihrerseits stiegen die Kursziele und es besteht weiterhin positives Kurspotential.

 

VERBIO-Verwaltung schlägt Dividendenanstieg in Höhe von 50% vor

Das Geschäftsjahr 2015-16 der VERBIO AG übertraf die offizielle Managementplanung und die Markterwartung zugleich. Betriebswirtschaftlich waren die Kennzahlenverbesserungen maßgeblich auf die Margenausweitung (ggü. Vj.) im Segment Bioethanol zurückzuführen. Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um 5,8 % auf € 654 Mio. Die verkaufte Tonnage sank um 0,4%. Trotz niedriger Diesel- und Benzinpreise blieben die Margen erfreulich. Bio-Methan und Sterol entwickeln sich zu Erfolgsprodukten. Die Auslastung konnte nochmals erhöht werden, was das EBITDA um 44,2 % auf € 73,1 Mio. steigen ließ. Das EPS expandierte um 79 % auf € 0,77 (begünstigt durch Auflösung latenter Steuern). Der Dividendenvorschlag sieht eine Ausschüttungssteigerung von 50 % auf € 0,15 (Vj.: € 0,10) vor.

Unterdessen wurde die Stärkung der robusten Bilanz (EK-Quote 78,2 %; Vj.: 70,8 %; Netto-Finanzvermögen € 65,6 Mio. Vj.: € 7,8 Mio.) fortgesetzt.

 

VERBIO-Guidance für Geschäftsjahr 2015-16

Was die Perspektiven für das gerade zum 01. Juli begonnen Geschäftsjahr 2015/16 betrifft, hat der Vorstand in der Telefonkonferenz am 21.09.16 erstmals das Ziel-EBITDA in der Größenordnung von € 55 Mio. bekanntgegeben. Dabei ist die zugestandene Schwankungsbreite des Schätzkorridors mit 10% doppelt so hoch wie im zurückliegenden Turnus. Das sei im Besonderen den volatilen Ethanolpreis-Perspektiven geschuldet, deren Richtung ab Q2/17 nur schwer voraussehbar sein werden (siehe unten). Davon abgeleitet, sollte das „Net-Cash“-Ziel bis zum Ende des Geschäftsjahres auf eine Größenordnung von € 88 Mio. - also ggü. Vj. nochmals um rund € 30 Mio. - steigen. In der Konsequenz könnten rund € 10 Mio. zur Schuldentilgung verwandt und ca. € 12 Mio. in die Anlagenerweiterung und -Ertüchtigung investiert werden. Die Liquiditätsposition könnte u.E. zum 30. Juni 2017 folglich an die € 90 Mio.-Schwelle steigen. Und gleichzeitig hätte man bei den Banken keine nennenswerten Verbindlichkeiten mehr - also quasi „schuldenfrei“.

Aussichtsreiche M&A-Projekte lägen nach Aussage des CEO gegenwärtig nicht auf dem Tisch, so dass die Dividendenpolitik (c.p.) über das Prädikat „kontinuierlich“ hinaus u.E. ein mittelfristiges Steigerungspotential in sich trägt. Damit würde das Investmentprofil von „zyklisch“ auf „Value“ wechseln; was allerdings einen spürbar steigenden Erlösanteil aus nicht regulierten Märkten zur Vorbedingung hätte (bei VERBIO sind es die nicht regulierten CH4-Alkana).

 

Ab 2017 erstmals wieder Absatzsteigerung bei Bio-Ethanol in Sicht

In der Telefonkonferenz betonte der CEO Claus Sauter die gute Geschäftsentwicklung und Kapazitätsauslastung im laufenden Startquartal. Die auslastungsorientierte Preispolitik dürfte u.E. auch in den kommenden Monaten Richtschnur sein. Sie trifft auf die Erwartung einer leicht steigenden Mengennachfrage. Nachdem in den zurückliegenden Jahren das Marktvolumen für Biokraftstoffe in Deutschland - trotz steigender Kraftstoffverbräuche - leicht sank, kündigt sich für 2017 ein erfreulicheres Szenario an. Ab 2017 wird die aktuell gültige THG-Quote von 3,5 % auf 4,0 % steigen und dann per 01.01.2020 auf 6 % springen. Die Industrie plädiert, was den letzten Schritt betrifft, für einen zeitlich vorgezogenen, graduellen Anstieg der Quote, was abgelehnt worden war. Grundsätzlich fehlen verlässliche Rahmendaten für den EU-Raum über das Jahr 2020 hinaus. Die Expansionsstrategien der Biofuel-Unternehmen zielen denn auch schwerpunktmäßig auf Geschäftsausweitungen jenseits der EU (VERBIO z.B. in Richtung Asien) oder in nicht vom RED-regulierte Anwendungsfelder (CropEnergies z.B. mit Neutralalkohol und Futtermitteladditiven).

 

Ein weiteres Thema ist der latente Importdruck aus Brasilien und den USA. Aktuell ist Brasilien für die europäische Ethanol-Industrie „kein Thema“; nachdem dort die Binnennachfrage durch die verordnete Erhöhung der Ethanolbeimischung/Steuerermäßigung im Transportsektor (trotz Rezession) massiv gestiegen ist und der ebenso gestiegene Zuckerpreis das Ethanolangebot deutlich reduziert hat.

 

Im Fall der USA sieht das anders aus. Käme es – auch im Rahmen der TTIP-Vereinbarungen – zu Änderungen der EU-Importbedingungen dann dürfte es zu Veränderungen bei den Schutzzöllen kommen und das Genmais-produzierte Bioethanol aus den USA würde wohl lokale Ware verdrängen. Viele Beobachter sehen im Export nach Europa die mittelfristige Stoßrichtung der US-Anbieter. Entsprechend verärgert regierten der US-Verband (RFA) als kürzlich die gültigen Anti-Dumping Zölle der EU auf US-Ethanol-Importe bis zum Ende der laufenden gerichtlichen Klärung (Jahresmitte 2017e) bei 9,5 % belassen wurden. Zwar wächst der Markt dort (Bundesstaatenweise Einführung der Low Carbon Fuel Standards) doch sind die Überkapazitäten wohl auch in den kommenden Quartalen noch nicht bereinigt. Zumal mehrere Abengoa-Werke in den USA nicht stillgelegt werden, sondern - laut Presseberichten für $ 315 Mio. fünf Werke - an lokale Wettbewerber verkauft werden sollen. Solange allerdings der €/US-$-Kurs unter der Marke von US-$ 1,25/Euro notiert, bleibt der EU-Markt für US-Exporteure wenig attraktiv.

 

Please reload

.
Aktuelle Veröffentlichungen
Please reload

Archive
Please reload

© 2019 by D. Grossjohann/EQUI.TS GmbH